kunsthalle | prag

[CZ • SCHINDLER SEKO ARCHITECTS]


VOM UMSPANNWERK ZUM KUNSTMUSEUM


Wer sich beim Pragbesuch auf eine kostenlose Stadtrundfahrt mit der Straßenbahnlinie 22 begibt, der kann von der Haltestelle Malostranská aus nicht nur gemütlich zur Burg spazieren, sondern gleich gegenüber auch dem alten Zenger-Gebäude einen Besuch abstatten. Dieses war einst voll mit technischen Anlagen, die Strom in Gleichstrom umwandelten, der für den Antrieb der Prager Straßenbahnen verwendet wurde.


Die Modernisierung des Umspannwerks verlagerte die notwendige Technik in einen kleinen Teil des Untergrunds, sodass plötzlich beinahe das gesamte Gebäude nach einer neuen funktionellen Nutzung suchte. Einziges Manko: vor dem Umbau befand sich das neoklassizistische Bauwerk aus den 1930er Jahren in einem katastrophalen technischen Zustand.

Als sich das Team von Schindler Seko architects an die Konversion des ursprünglich technischen Gebäudes in ein Kunstmuseum machte, lautete das Credo, die ursprüngliche äußere Form des Gebäudes und seiner Fassade so weit wie möglich zu erhalten. Ein neuer Steg mit Prager Mosaikpflasterung markiert den Eingang zur Kunsthalle und verdeckt gleichzeitig den von den Verkehrsbetrieben benötigten Abluftschacht, der in den letzten Jahren völlig unpassend vor der westlichen Hauptfassade platziert worden war.


Im mittleren Bereich wurde ein eingeschossiger Ergänzungsbau mit einer Oberfläche aus geschliffenem Terrazzo angefügt, der dank seiner Schlichtheit nicht mit dem ursprünglichen Trakt in Konkurrenz tritt und gleichzeitig das Prinzip der zurücktretenden Segmentfassade weiterführt. Der Lichteinfall in diesen Überbau erfolgt über ein großes Fenster, dessen Gestalt sich aus den Proportionen der Fassade ableitet. Tageslicht gelangt außerdem über ein langes, atypisches Oberlicht auf dem westlichen Dachfirst und ein Oberlicht über dem unteren Teil des Aufbaus ins Innere.

KUNSTHALLE PRAHA | Außenansicht
KUNSTHALLE PRAHA | Von außen schlicht © Filip Šlapal

Von außen scheint das Gebäude heute wie damals: alle wesentlichen Elemente des ursprünglichen Entwurfs wurden von Dachdeckung, Dachrinnen, Gesimsen und Fassaden über die Grundmauern bis hin zu einigen bescheidenen Dekorationselementen beibehalten. Die Material- und Farbgestaltung ist bewusst nüchtern gehalten. Die Fassaden präsentieren sich in einem Grau-Beige, das von der ursprünglichen Sandsteinverkleidung herrührt. Lediglich ein Schriftzug aus dreidimensionalen, Über-eck angebrachten Buchstaben und der neue Zugangssteg verraten dem interessierten Betrachtet: hier gibt es was zu entdecken!


Im Gebäudeinneren hat sich hingegen einiges mehr getan: mittels eines Raumplans erarbeiteten die Architekten eine logische Raumaufteilung auf unterschiedlichen Ebenen, die sich exakt an den Fensteröffnungen der bestehenden neoklassizistischen Fassade orientiert. Wie in der ursprünglichen technischen Struktur blieb Beton sowohl strukturell als auch visuell die dominierende Konstante. Zwei oberirdische Geschosse im südlichen Teil umfassen die Ausstellungsräume und ein Café, im Dachgeschoss befinden sich die Büroräume der Stiftung, im Untergeschoss die Technik. Ein eingeschobenes Zwischengeschoss umfasst den Eingangsbereich sowie einen Artshop und ein Restaurant – von hier aus lässt sich die Großzügigkeit der Räumlichkeiten gut erkennen.

KUNSTHALLE PRAHA | Raum für Kunst
KUNSTHALLE PRAHA | Raum für Kunst © Filip Šlapal

FACTS //

NUTZFLÄCHE 6.000 qm

ORT Klárov, Prag 1

AUFTRAGGEBER Property Klárov a.s.

INVESTOR The Pudil Family Foundation

PROJEKTLEITUNG Jan Schindler, Ludvík Seko

TEAM Zuzana Drahotová, Martina Bílková

PLANUNG AED project a.s.

FERTIGSTELLUNG 2021

KUNSTHALLE PRAHA | Oberflächen & Details
KUNSTHALLE PRAHA | Oberflächen & Details © Filip Šlapal

FIGURES //

2.300 Menschen arbeiteten an dem Umbau, 252 Zulieferer waren beteiligt. 230 Kilometer Kabel durchziehen das Gebäude, während die monolithische Skelettstruktur, die sich hinter der neoklassizistischen Fassade verbirgt, 12.690 Tonnen Beton fasst. Der Aufzug der Kunsthalle kann große Kunstwerke aufnehmen, darunter auch einen Fahrkorb. Die Sohle des Gebäudes liegt 30 Zentimeter unter dem Wasserpegel der Moldau und zu Beginn des Wiederaufbaus war ein 55 Meter hoher Kran vor Ort.


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ABOUT Das internationale Team der in Prag ansässigen Schindler Seko architects sucht für jeden Auftrag eine charakteristische und einzigartige Antwort, wobei die Konzepte immer von einem rationalen und kontextbezogenen Ansatz geprägt sind.


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